Westdeutsche Zeitung
Online 24.02.2006
Paul Ingendaay -
"Warum du mich
verlassen hast":
Den Schmerz bewahren
- und ebenso das
Gute
Am Freitag erscheint
Paul Ingendaays
brillanter Roman
"Warum du mich
verlassen hast".
Er ist bereits
nominiert für den
Belletristik-Preis
der Leipziger
Buchmesse.
Düssseldorf. Was
für ein tief
verstörender und
zugleich erregender
Roman und ein Rausch!
Der Leser bewegt sich
zwischen dem
katholischen Gebet-und
Gesangbuch "Gotteslob"
und Kierkegaard,
Robinson Crusoe,
Dostojewskij und Seneca,
Alain-Fournier, dem
großen Gatsby und in der
Nähe von Salingers "Der
Fänger im Roggen" auf
dem dünnen Eis eines
katholischen
Jungeninternats. Und
Marko Theunissen ist in
der langen Zeit seines
Aufenthaltes hier
zwischen 10 und 16 Jahre
alt, ein heißes Alter,
ein gefährliches, und
beinahe wäre er darin
umgekommen.
Wenn er nicht zum
Schluss
selbstverschuldet vom
Internat geflogen wäre.
Von diesem Jahr und
seinen
schicksalsträchtigen
Ereignissen handelt Paul
Ingendaays Debütroman,
von Glauben und
Nihilismus, von der
"Mädchenfrage", von
Bruder Gregor und dessen
Tragödie, einem als
"Vagabund"
zurückgekehrten,
ehemaligen Pater.
Der Versuch einer
Selbstfindung, verbunden
mit dem Verlust einer
festgefügten,
wohlhabenden Familie in
Köln - der Vater ist
Notar - führt Marko in
eine manifeste
Sinnkrise, mag er sich
auch noch so sehr an die
Bücher, Bach und David
Bowie klammern und von
"Frauen, die an großen
Flüssen leben" oder
solchen mit einem
sandfarbenen
Wollpullover träumen.
Leider ist er zu klug,
zu sensibel, zu
phantasiebegabt und
liest leider zuviel, um
- "Oh Boy!" - nicht
tiefe seelische
Schmerzen zu empfinden.
Markos Internat, höchst
sarkastisch Collegium
Aureum (goldenes Kolleg)
heißend, ist ein
besonders perfides. Es
liegt am Niederrhein
zwischen Xanten, Weeze,
Kevelaer, Geldern,
Bedburg-Hau und Straelen
und gehört zum Bistum
Münster. Die
Ordensbrüder verstecken
das strenge Regelwerk
und die eiserne
Disziplin (und brutalen
Disziplinierungsstrafen
schon für die
Zehnjährigen) hinter den
kirchlichen Geboten von
Frömmigkeit und
Gesetzestreue.
Ausgiebig beschreibt der
Ich-Erzähler diese
heimtückische Folter im
20. Jahrhundert etwa
wegen des Tragens einer
Nietenhose in der Messe.
Später liest man im
mysteriösen "Buch der
Ordnungen" die Ansicht
eines Pädogogen, Gewalt
sei "eines der wenigen
Dinge, die die Kirche
interessant machen.
Nehmen Sie der Kirche
die Gewalt, und sie
stirbt an Langeweile".
Schwer für einen
15-Jährigen, Antwort auf
die Frage zu finden, wie
man mit dem Schmerz
umgeht. Bruder Gregor
bestärkt seine
Vermutung: "Ich
fürchtete diese Art von
Vergesslichkeit, und ich
glaube, Bruder Gregor
fürchtete sie auch. Man
muss sich der Dinge
immer bewusst bleiben,
sagte er. Den Schmerz
bewahren ebenso wie das
Gute. Die Verlorenheit
bewahren, die Demütigung
bewahren, die
schwärzeste Einsamkeit,
aber als Kette und
Kontinuum, sofern sie es
sind, ansonsten muss man
sie überwinden. In jedem
Fall die richtigen
Schlüsse ziehen. Nur
eben nicht vergessen."
Aus Hebbels Tagebüchern
zitiert er diesen Satz:
"Das Leben ist eine
Plünderung des inneren
Menschen", und er,
ebenso wie seine engsten
Kumpels Tilo, Motte und
Onni fühlen sich mehr
als geplündert, "Tag für
Tag, Woche für Woche".
Warum aber, fragt sich
der Leser, verdrängt
Marko die so klar auf
der Hand liegende
Einsicht, dass etwas mit
den Eltern nicht mehr
stimmen könnte? Der
Vater, Notar von Beruf,
gibt sich stets
zurückhaltend, höflich
und eigentlich
desinteressiert am
Telefon, die Mutter ist
nie da - "bei Freunden",
"eingeladen" oder so
ähnlich.
So gut wie möglich
versuchen sich die Vier
zu trösten, die, wenn
sie mit den Fahrrädern
zum Maitanz in eines der
umliegenden öden Dörfer
fahren, die "Pferde
satteln" und mit
geladenen Pistolen
einreiten. Was für eine
Qual aber die Angst vor
dem ersten Kuss, welche
Schande, wenn man sich
nicht traut! Doch dann
geschieht das
Ungeheuerliche, für
Bruder Gregor
vernichtend, für Marko
grundlegend
Existenzielle. Und Marko
trifft eine
Entscheidung, auf der er
wird aufbauen können.
Eine ungemein und
uneingeschränkt schöne,
musikalische,
melancholische und
lyrische Prosa, ein
trauriger und oft auch
lustiger Roman. Wer aber
ist Paul Ingendaay? Wer
regelmäßig die
Frankfurter Allgemeine
Zeitung liest, wird ihn
kennen als
Kulturkorrespondent in
Spanien, der brillante
Feuilletons abliefert.
1961 in Köln geboren,
besitzt er Ähnlichkeiten
mit Marko, mit dem er
seinen Debütroman
vorlegt. Nur der Titel
lässt uns bis zum
Schluss rätseln. Denn
Marko hat am Ende alle
verloren - allerdings um
den goldenen Preis, den
Weg in eine erwachsene
Freiheit gefunden zu
haben.