Süddeutsche Zeitung
14.03.2006
Musenkuss und
Weihrauchschwaden
von Ijoma Mangold
Das Internat als
Dichterschule: Paul
Ingendaays Roman ¸¸Warum du
mich verlassen hast"
Spitzer als bei einem
Kollegenbuch sind die Finger
der deutschen
Literaturkritik nie. Neid
und Missgunst dürften dabei
eher eine untergeordnete
Rolle spielen. Vor allem ist
es die Befangenheit. Gerade
weil man die Kollegen kennt
und schätzt, weiß man nie so
recht, wie man mit ihren
Büchern umgehen soll.
Deswegen werden sie oft
betont beiläufig oder gar
nicht rezensiert. Das ist
gewiss nicht in allen, aber
durchaus in manchen Fällen
schade.
Handelt es sich bei einem
solchen ¸¸Journalistenbuch"
auch noch um einen Roman, so
kommt erschwerend ein
Zweites hinzu, das mit einer
bestimmten deutschen
Tradition oder
Weltanschauung und der
daraus resultierenden
journalistischen Praxis zu
tun hat. In anderen,
namentlich angelsächsischen
Ländern ist die Grenze
zwischen
essayistisch-kritischem
Schreiben auf der einen und
literarischem Schreiben auf
der anderen Seite in beide
Richtungen höchst
durchlässig. So versteht es
sich etwa im New Yorker oder
im Times Literary Supplement
von selbst, dass ein großer
Schriftsteller wie etwa John
Updike den Roman eines
anderen Schriftstellers, Tom
Wolfe, rezensiert. Der
Groß-Schriftsteller als
Kritiker kommt in
Deutschland nicht vor - nur
manchmal schreibt Martin
Walser emphatisch über
drittrangige Bücher oder
Peter Handke lässt die
Öffentlichkeit von seinem
letzten Leseerlebnis wissen,
aber das hat mehr die Form
eines Lektüre- und
Entdeckungstipps.
Warum die Augen verdrehen?
Vor allem aber gilt die
Durchlässigkeit in die
andere Richtung. In
angelsächsischen Ländern
schüttelt niemand den Kopf,
wenn ein Literaturkritiker
oder Professor der
Literaturwissenschaft einen
Roman schreibt. In
Deutschland gelten solche
Fälle als vorhersagbare
Peinlichkeiten. Man verdreht
die Augen, als liege da ein
Selbstmissverständnis vor
und ein absoluter
Kategorienfehler. Denn in
der deutschen Tradition der
Kunstreligion gibt es zwei
kategorial von einander
unterschiedene
Schreibweisen, die nichts
miteinander zu tun haben:
Die journalistisch-kritische
und die dichterische.
Erstere gilt als eine Frage
der Technik und des Könnens,
der Informationsvermittlung
und durchaus auch der wohl
gesetzten Pointe.
Letztere dagegen ist von der
Idee her weniger ein
Schreiben als ein Vernehmen
des Seins der Sprache, ein
Inspirationsakt am Rande des
Verstummens, eine
enigmatische Artikulation
aus vom Wahnsinn umwölkten
Hölderlin-Sphären.
Zugegeben, das ist sehr
pointiert ausgedrückt, aber
nur unwesentlich
übertrieben. Denn es hat
zwar schon in der Weimarer
Republik die
Lockerungsübungen der Neuen
Sachlichkeit gegeben, und in
der Bundesrepublik
zahlreiche Bündnisse von
Journalismus und Literatur,
aber wenn es um Kollegen
geht, gelten noch immer die
alten Muster.
Paul Ingendaay, Jahrgang
1961, ist ein glänzender
Literaturkritiker und der
Spanien-Kulturkorrespondent
der Frankfurter Allgemeinen
Zeitung. Er hat jetzt unter
dem Titel ¸¸Warum du mich
verlassen hast" seinen
ersten Roman vorgelegt:
einen Internatsroman nach
allen Regeln der Kunst, 500
Seiten packender Lesestoff.
Man kann die Einwände schon
förmlich hören: Das sei zu
glatt, zu gefällig und habe
keine eigene Sprache. Nun,
Ingendaay ist nicht und will
gewiss auch kein Reinhard
Jirgl sein. Sein Roman ist
kein sprachschöpferisches
Kunstwerk im emphatischen
Sinne. Paul Ingendaay wollte
gewiss auch nicht den
Total-Roman schreiben.
Stattdessen hat er mit sehr
klugem Kalkül (ach, wenn
doch mehr berufene Dichter
über nur ein bisschen Kalkül
verfügten!) sich auf ein
Genre festgelegt, und das
allerdings erfüllt er
hervorragend. So ist ein
spannender, anrührender und
komischer Roman entstanden,
dessen Lust am Sprachspiel
mitreißend und höchst
unterhaltsam ist.
Denn dieser Roman ist auf
eine verspielte Art
rhetorisch groß
instrumentiert. Marko
Theunissen, der Protagonist,
ist zugleich sein Erzähler.
Von seinem zehnten bis zu
seinem sechzehnten
Lebensjahr geht er auf ein
katholisches Jungeninternat
am Niederrhein. Weil der
Roman konsequent aus Markos
Perspektive geschrieben ist,
hängt alles von dem Tonfall
ab, den der Autor für seinen
adoleszenten Erzähler
kreiert. Sowas geht gerne
schief. Ingendaay nutzt die
Bücherleidenschaft seines
Protagonisten, um ein
herrliches Amalgam aus
cooler Jugendsprache,
wiederkehrenden
Sprechformeln und
Stilparodien literarischer
Vorbilder zu schaffen. Schon
das Wort Jugendsprache
klingt ja oberspießig und
betulich, aber bei Ingendaay
kommt der Jargon absolut
unpädagogisch und
unranschmeißerisch rüber.
Als passionierter Leser hat
Marko einen ausgeprägten
Sinn für theatralische
Redesituationen. Weshalb er
seinen Kummer, seinen Zorn
und seine Sehnsüchte, aber
auch seine Weisheiten gerne
in Form von Ansprachen zum
Beispiel an das Wäschehaus
los wird, - so er die Leser
nicht gleich, wir befinden
uns ja in einem katholischen
Internat, direkt in einem
travestierten Predigtton
anspricht. All das schafft
erstens gute Laune, klingt
zweitens in einem poetischen
Sinne realistisch und gibt
drittens guten Einblick ins
Innenleben der Figuren, die
man alle rasch ins Herz
schließt.
Weihrauch und Gewalt
¸¸Warum du mich verlassen
hast" ist ein
Coming-of-Age-Roman. Er
atmet - wann hat man das zum
letzten Mal gesagt? - den
Geist der Rebellion. Er
erzählt von Mut und
Verlogenheit, vom
Indianerehrenwort und vom
Kriechertum. Und davon, wie
ein Junge im fruchtbaren
Wechselspiel von
Freundschaft, Lektüre und
Aufbegehren gegen die
bigotte Unwahrhaftigkeit und
bornierte Grausamkeit zum
freien Geist, zum Individuum
heranreift: ¸¸Liebenswürdig,
sinnenfroh, grausam und
einsam" wie es einmal mit
Blick auf Alain-Fournier
heißt.
Es ist eben noch immer eine
würdige Aufgabe für die
Literatur, der Heuchelei die
Maske vom Gesicht zu reißen.
Und von der gibt es auf
katholischen Internaten
womöglich doch mehr, als wir
Feuilleton-Katholiken in
unserer Unbedarftheit uns
vorstellen. ¸¸Gewalt", heißt
es einmal, ¸¸gehört zur
katholischen Kirche wie
Hostie und Weihrauch. Nehmen
Sie der Kirche ihre
pittoresken
Bestrafungsmethoden, und die
Gläubigen laufen davon.
Selbst die Lauen, um die es
nicht schade wäre, hätten
nichts mehr, das ihnen ein
bisschen heilsame Furcht in
die armseligen Leiber jagt."
Wahr ist aber auch dies:
Paul Ingendaay selbst hat
ein katholisches Internat am
Niederrhein besucht. Das
gleiche Internat haben auch
die Schriftsteller Gregor
Hens und Christoph Peters
durchlaufen. Ebenso Paul
Ingendaays Bruder Marcus,
der als Übersetzer einen
Namen hat, aber auch mit
einem Roman an die
Öffentlichkeit getreten ist.
Das alles spricht durchaus
für das Internat. Und wenn
jetzt die anderen drei auch
Internatsromane schrieben,
wir könnten in gut
theologischer Tradition zu
einer bestimmt
hochinteressanten
synoptischen Lektüre
ansetzen.
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.61, Dienstag, den 14.
März 2006 , Seite 16
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