SPIEGELONLINE
09.03.2006
KulturSPIEGEL
Seneca und Pink
Floyd
Von Silja Ukena
Paul Ingendaay
hat 27 Jahre am
Roman einer Jugend
geschrieben. Es hat
sich gelohnt.
27 Jahre lang hat
Paul Ingendaay, 45,
das Buch, das sein
erster Roman werden
sollte, mit sich
herumgetragen. Ein
Packen Papier, 500
Seiten stark, der
ihn um die halbe
Welt begleitete: von
Köln über Dublin,
Mexiko und München
bis nach Madrid, wo
er heute als
Kulturkorrespondent
der "FAZ" lebt. 500
Seiten, die Paul
Ingendaay immer
wieder neu
geschrieben und
umgearbeitet hat und
dann wieder
jahrelang beiseite
legte mit dem
Gefühl, nicht die
richtigen Worte zu
finden.
Zwischendurch
promovierte er,
gründete eine
Familie und wurde,
wie er sagt, "ein
ernsthafter Mensch".
Der Roman, den er
mit dem jugendlichen
Furor eines
17-Jährigen begonnen
hatte, wartete.
Seine Geschichte war
die einer Jugend in
einem katholischen
Jungeninternat, und
sie handelte von der
Sehnsucht der
15-Jährigen nach
Welt und Freiheit
oder auch nur dem
allerersten Kuss -
und von der Angst
davor
Frühlings Erwachen
mit Seneca und Pink
Floyd. "Irgendwann
habe ich nicht mehr
geglaubt, dass
daraus doch noch
etwas anderes würde
als ein
gescheiterter
Versuch", sagt
Ingendaay. "Und das
wäre in Ordnung
gewesen. Besser kein
Buch als ein
mittelmäßiges." Doch
dann kam der Sommer
2005, und binnen
vier Wochen schrieb
er seine Geschichte
ein letztes Mal neu.
Es war ein
glücklicher Sommer:
"Nichts, was ich je
geschrieben habe,
kommt diesem Gefühl
gleich." Man merkt
das dem Buch an,
seinem Tonfall, der
Art, wie einen der
Ich-Erzähler Marko
mit seinem Witz und
seinem
philosophischen
Ernst gefangennimmt.
Zu Recht wurde der
Roman für den Preis
der Leipziger
Buchmesse nominiert,
der am 16. März
verliehen wird. Paul
Ingendaay hat
unterdessen ein
neues Buch im Kopf.
Diesmal soll es
nicht ganz so lange
warten.