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Kulturküche.de 28.02.2006
Wider die Ordnung
Für seinen Erstling „Warum du mich verlassen
hast“ wurde Paul Ingendaay
für den Preis der Leipziger Buchmesse 2006
nominiert. Sein Roman spielt
in einem Knabeninternat in den 1970er Jahren –
es geht dabei um Mädchen,
Bücher und die Frage nach Gott.
„Ich wusste selber nicht mehr, warum ich da war,
und ich glaubte auch nicht an Gott. Ich war
Nihilist, könnte man sagen.“ Das Collegium
Aureum, von dem Ingendaays Ich-Erzähler Marko
berichtet, ist eine katholische Klosterschule
mit humanistischer Bildung, für den 15jährigen
allerdings die „Insel der Verzweiflung“. Marko
träumt von weichen
Mädchenhaaren, die an seiner Wange kitzeln, und
er träumt von Schwester Gemeinnutz, seiner
ehemaligen Erzieherin in der Unterstufe, die in
seinen schweißnassen Träumen wie ein Drache mit
Kaninchenlippen in die Lüfte steigt. Er
entflieht dem unerbittlichen Ordnungsregime des
Juvenats mit kräftigen Zügen an selbstgedrehten
Zigaretten und durch
seine geheime Komplizenschaft mit Robinson
Crusoe. Die Liebe zur Literatur, zu Büchern von
Seneca über Dostojewski bis zu Proust wird zu
Markos Lebenselixier. Eine Leidenschaft, die ihn
mit seinem Lieblingslehrer Bruder Gregor
verbindet, der in Marko sein Alter Ego erkennt
und dessen Potential fast zwanghaft fördert.
„Man muss sich der Dinge immer bewusst bleiben“,
rät er seinem Zögling, „den Schmerz bewahren wie
das Gute.“ Das Gute zu bewahren, vor allem daran
zu glauben, fällt Marko immer schwerer: Da
zerbricht die Ehe seiner Eltern, seine ältere
Schwester Sonja, die er immer bewunderte,
entwickelt sich zu einem gleichgültigen
selbstbezogenen Früchtchen, und zuletzt soll
auch noch sein kleiner Bruder Robert mit den
dünnen Beinen ins Juvenat geschickt und
Schwester Gemeinnutz ausgeliefert werden. In
Gott kann Marko keinen Trost finden, so sehr er
es versucht. Und auch
die grauen Engel mit den grünen Gesichtern, die
ihn bei der Frühmette umflattern, beantworten
keine seiner Fragen. „Da spitzten sie das
Mündchen und taten so, als wäre ich gar nicht
da.“
Auch mit der immer stärker drängenden
Mädchenfrage – „neben der Gottesfrage die
wichtigste Frage für jeden fühlenden Mann“ –
bleibt Marko allein, obwohl er doch jetzt seine
erste Freundin Margret hat und so viele
Antworten sucht. Und auch in Bezug auf Margret
sind es immer weniger die tatsächlichen Dinge
und Erfahrungen, die Marko erfassen, er zieht
die Vorstellung dem eigentlichen Erleben vor:
„Es kribbelte so
stark, dass ich mich fragte, wie das Kribbeln
überhaupt noch stärker werden konnte und ob ich
dafür die lebendige Margret brauchte. Da merkte
ich, dass ich mich vor der lebendigen Margret
fürchtete.“
Die Wende vom Jugendroman zum Klosterkrimi setzt
ein, als plötzlich ein geheimnisvolles Buch
auftaucht. Ein Buch über Vorkommnisse aus
früheren Jahren, über die Armee der Schatten,
jene die vom Collegium abgegangen oder verwiesen
worden waren. Niemand kennt den Verfasser, und
doch stellt sich schnell heraus, dass zwischen
dem „Buch der Ordnungen“, den verschwörerischen
Andeutungen der Klosterbrüder und dem
überraschenden Tod Bruder Gregors ein
Zusammenhang besteht. Eine Wahrheit, die Marko,
ganz im Sinne seines verstorbenen geistigen
Vaters, nicht zu verheimlichen bereit ist.
Schon ungewöhnlich: Da kommt einer, legt sein
Debüt auf den Tisch, und schon die ersten Zeilen
verraten eine sprachliche Souveränität, die man
nur jemandem zutraut, der nie etwas anderes tat,
dessen Zuhause seit jeher die Sprache und schon
immer das Erzählen gewesen ist. Ein bisschen ist
es ja so: Der 1961 in Köln geborene Autor Paul
Ingendaay kommt vom Wort – nur eben von der
anderen Seite. Seit 1992 arbeitet der in
amerikanischer Literaturgeschichte promovierte
Autor für die Literaturredaktion der Frankfurter
Allgemeinen Zeitung, seit 1998 als
Kulturkorrespondent von Madrid aus. 1997 erhielt
Ingendaay sogar den Alfred-Kerr-Preis für
Literaturkritik.
Lebendig, witzig, sensibel aber nie sentimental:
Ingendaay gelingt es, mit der Figur des Marko
einen Erzähler zu erschaffen, der die Lesenden
mit frivoler Leichtigkeit in seine Welt trägt
und ihnen in Bruder Gregors Namen rät,
Kierkegaard zu lesen.
Ingendaay hat einen wundervollen Adoleszenzroman
geschrieben, keinen Generationenroman, wie in
den Medien vielfach angekündigt. Marko ist keine
repräsentative Figur eines Jugendlichen der
1970er Jahre; er repräsentiert vielmehr eine
Figur, die in der Literatur der Moderne seit
jeher existiert, die je nach den Einflüssen der
Zeit mal am Leben scheiterte, mal an ihm wuchs,
aber immer die Waffen der Sprache und die
Weisheiten der großen Denker als Schutzschild
einsetzte. Marko ist die unter den
popliterarischen Adoleszenzentwürfen verschütt
gegangene Künstlerfigur, die immer jung sein
muss, weil der Schwebezustand der Jugend das
Erwachen der Kreativität wie kein anderer
auszudrücken vermag. Die Zeit der Jugend zieht
die Trennlinie zwischen jenen, die, wie Bruder
Gregor Kierkegaard zitiert, „mit allzu geringem
Bewusstsein ihrer selbst leben“ und jenen, die
nicht nur mitspielen im Leben, sondern, wie
Marko „liebenswürdig, sinnenfroh, grausam und
einsam“ sind.
Ein neuer Törleß ist geboren, großartig!
Karolin Hingerle
(© Kulturküche/Redaktionsbüro
nikorepress 28.02.2006)
Quelle:
http://www.kulturkueche.de/inhalt/buch/buch190.htm
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