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Frankfurter Rundschau online 08.03.2006

Vom Mysterium der Jugend

Paul Ingendaays erster Roman "Warum du mich verlassen hast" ist die Hommage an ein schaurig-schönes Alter

VON INSA WILKE


Als "ganz krasser Pessimist" will der 17-jährige Georg Heym fortan auftreten, wie er 1905 seinem Tagebuch anvertraut. In dem unverblümten Anspruch auf Selbst- und Weltgestaltung ist ihm der junge Erzähler in Paul Ingendaays erstem Roman Warum Du mich verlassen hast verwandt. Die Gedichte und Tagebücher des Expressionisten Heym sind ein Beispiel für die Spannbreite dessen, was Jugend bedeuten kann: intensives Fühlen und komischer Wankelmut, erschreckende Ignoranz und drängende Wahrhaftigkeit, unbändige Lebenslust und verwirrte Weltverneinung. Davon erzählt auch Ingendaays Roman.

Marko ist 10 Jahre alt, als seine Eltern ihn auf ein katholisches Jungeninternat im Niederrheinischen schicken. Die "traurige Folge eines Fehltritts" und "beweinenswürdigen Irrtums" nennt Marko sein Schicksal und sieht sich als Robinson der 70er Jahre auf der "Insel der Verzweiflung", dem Collegium Aureum, gestrandet. Fünf Jahre später wird er nach mysteriösen Vorfällen um den klugen und melancholischen Bruder Gregor der Schule verwiesen. Den Rauswurf nimmt er zum Anlass, uns, seinen Lesern, ein "ungefähres Bild" von den Geschehnissen des letzten Jahres zu geben. In seinem Bericht, der eine Collage aus einer Rede an die Leser, erzählenden Passagen und Dialogen ist, rebelliert er gegen zwei sich widersprechende Regeln des Collegiums: "Alles muss ans Licht des Herrn" und das implizite Gebot, unliebsame Wahrheiten zu vergessen.

Markos Bericht nimmt viele Formen an: Mal ist er Internats- oder Adoleszenzroman, dann weitet er sich zum Generationenporträt, im nächsten Moment drängt sich die psychologische Kriminalgeschichte nach vorn, dann wieder der barocke Schelmenroman. Ingendaay, Kulturkorrespondent der FAZ, legt zahlreiche Spuren. Manchmal droht des Lesers Amüsement über die aufgerufenen literarischen Muster in Missvergnügen umzuschlagen, und es schleicht sich die Vermutung ein, da wolle jemand sein Bildungsrepertoire vorführen: "Er kannte Robinson Crusoe und Lord Jim, zum Beispiel. Oder den unsterblichen Huckleberry Finn. Und den wahnsinnigen Dostojewskij. Er kannte Der große Meaulnes, den kennt nicht jeder. Er kannte auch Der große Gatsby, den kennt auch nicht jeder." Selbst beim Fußball wird noch über Literatur philosophiert: "Zwei Dinge, Marko. Zum einen der Glaube, Romane wiederholten das Leben. Das tun sie nicht. Sie wollen gerade weg vom Leben. Sie wollen es hinter sich lassen. Sonst brauchte doch niemand Kunst zu machen. Sonst genügten Werbebroschüren und ... Schulbücher. You see that, don't you?"

Doch verfehlte diese Kritik den Kern des Romans. Denn unabhängig von gelegentlich überzogenen literarischen Anspielungen wird hier die Geschichte eines Jungen erzählt, der zwischen mindestens drei Welten pendelt, von denen eine verwirrender und schwieriger ist als die nächste.

Den größten Raum nimmt das Internat ein, in dessen alten Gemäuern die Gesetze der "Schwatten" gelten. Die Insassen werden von ihnen mit Rauchverbot und Gewissenserforschung bis in die Träume verfolgt. Es leuchtet ein, dass diesem Ort nur entkommen kann, wer den Willen und die Moral eines Robinson Crusoe hat.

Da sind aber auch die modern zerbrechende Familie oder die Freunde und deren verzweifelte Versuche, sich Mädchen "zu besorgen". Das, was Marko nur implizit erzählt, ist seine Überforderung auf diesen verschiedenen Feldern. "Ich trat unter den Sternenhimmel und sah keinen einzigen Stern. Ich sprach: He, ich weiß doch, dass ihr da seid! Zeigt euch! Warum müsst ihr euch eigentlich dauernd verstecken? Ich glaube ja nicht, dass ihr mir helfen könnt. Aber es wäre nicht schlecht, euch gelegentlich zu sehen." Um den plötzlichen "Nihilismus-Anfällen" zu trotzen, schafft Marko sich seine eigene Welt. Hier wird er zum Helden im Kampf gegen einen umfassend angelegten Betrug, den das "Buch der Ordnungen" zu offenbaren scheint.

"So sprach ich" ist eine der Lieblingswendungen des Erzählers. In Umwandlung der biblischen Worte "und Gott sprach" bekräftigt er damit kleine erzählerische Schöpfungsakte. Ähnliche Assoziationen an christliche Grundmotive löst der Titel des Romans aus: Die Frage Christi "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" ist auch Marko klärungsbedürftig. Die Hybris Markos, der sich durchaus als intellektueller Außenseiter wahrnimmt und sich zu Höherem bestimmt fühlt, bekommt Nahrung durch die Erwachsenenwelt. Der Vater drängt ihn in die Verantwortung für den kleinen Bruder; der Internatsleiter versucht, ihn als Vorkämpfer gegen die drohende Subversion durch die russisch-kommunistische Pornoindustrie zu werben. Humor und Ernst klingen ineinander. Unsicher bleibt, ob der Erzähler wie Ecos Novize in Der Name der Rose seinen eigenen Konstrukten auf den Leim geht, oder ob sein Engagement eine erstarrte Erwachsenenwelt erschüttert.

Ingendaay nimmt die Welt nicht nur konsequent aus der Perspektive des 15-Jährigen wahr, sondern erzählt sie auch in seiner Sprache. Die ist äußerst komisch, wenn (mit einer Verbeugung an Ulrich Plenzdorf) in brenzligen Situationen erst einmal die "Lage analysiert" oder Ratlosigkeit mit einem "da steckt man nicht drin" kaschiert wird - "solche Sachen" eben. Man lächelt gönnerhaft über dieses sprachliche Haudegentum, wird aber im nächsten Moment der eigenen Platituden überführt. Denn Markos Raubzüge im katholischen und elterlichen Sprach- und Gedankenschatz machen es fraglich, ob die Erwachsenen ihrer Welt präziser und direkter begegnen.

Seinen Reiz gewinnt der Roman in der Verschlingung von geheimnisvoll raunender Klosterwelt mit der sozialen Realität der 70er Jahre, angetrieben durch die Fantasie des Erzählers und immer wieder gebrochen mittels augenzwinkernder literarischer Verweise von Joseph Conrad über J. D. Salinger bis zu Umberto Eco. Das von humorvoller Zuneigung und Respekt getragene "Jugendbildnis", das Ingendaay hier entwirft, trägt dem Roman Sympathien ein. Doch ist der Wunsch nicht zu leugnen, der Autor möge seinem Erzähler mehr Ökonomie aufzwingen. Denn wie Marko selbst sagt: Autor und Erzähler - "Das ist nicht derselbe Standpunkt."

Und so sehr das mäandernde Erzählen die jugendliche Wahrnehmung spiegelt, so sehr verlangt man vom erwachsenen Autor den Mut, den Meißel anzusetzen. Damit dann tatsächlich entsteht, was die Längen des Romans ersticken: Ein Plädoyer für Sehnsucht nach Honig.

Quelle: http://www.fr-aktuell.de/ressorts/kultur_und_medien/belletristik/?cnt=821863

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