Vom Mysterium der
Jugend
Paul Ingendaays
erster Roman "Warum
du mich verlassen
hast" ist die
Hommage an ein
schaurig-schönes
Alter
VON INSA WILKE
Als "ganz krasser
Pessimist" will der
17-jährige Georg
Heym fortan
auftreten, wie er
1905 seinem Tagebuch
anvertraut. In dem
unverblümten
Anspruch auf Selbst-
und Weltgestaltung
ist ihm der junge
Erzähler in Paul
Ingendaays erstem
Roman Warum Du mich
verlassen hast
verwandt. Die
Gedichte und
Tagebücher des
Expressionisten Heym
sind ein Beispiel
für die Spannbreite
dessen, was Jugend
bedeuten kann:
intensives Fühlen
und komischer
Wankelmut,
erschreckende
Ignoranz und
drängende
Wahrhaftigkeit,
unbändige Lebenslust
und verwirrte
Weltverneinung.
Davon erzählt auch
Ingendaays Roman.
Marko ist 10 Jahre
alt, als seine
Eltern ihn auf ein
katholisches
Jungeninternat im
Niederrheinischen
schicken. Die
"traurige Folge
eines Fehltritts"
und
"beweinenswürdigen
Irrtums" nennt Marko
sein Schicksal und
sieht sich als
Robinson der 70er
Jahre auf der "Insel
der Verzweiflung",
dem Collegium Aureum,
gestrandet. Fünf
Jahre später wird er
nach mysteriösen
Vorfällen um den
klugen und
melancholischen
Bruder Gregor der
Schule verwiesen.
Den Rauswurf nimmt
er zum Anlass, uns,
seinen Lesern, ein
"ungefähres Bild"
von den
Geschehnissen des
letzten Jahres zu
geben. In seinem
Bericht, der eine
Collage aus einer
Rede an die Leser,
erzählenden Passagen
und Dialogen ist,
rebelliert er gegen
zwei sich
widersprechende
Regeln des
Collegiums: "Alles
muss ans Licht des
Herrn" und das
implizite Gebot,
unliebsame
Wahrheiten zu
vergessen.
Markos Bericht nimmt
viele Formen an: Mal
ist er Internats-
oder
Adoleszenzroman,
dann weitet er sich
zum
Generationenporträt,
im nächsten Moment
drängt sich die
psychologische
Kriminalgeschichte
nach vorn, dann
wieder der barocke
Schelmenroman.
Ingendaay,
Kulturkorrespondent
der FAZ, legt
zahlreiche Spuren.
Manchmal droht des
Lesers Amüsement
über die
aufgerufenen
literarischen Muster
in Missvergnügen
umzuschlagen, und es
schleicht sich die
Vermutung ein, da
wolle jemand sein
Bildungsrepertoire
vorführen: "Er
kannte Robinson
Crusoe und Lord Jim,
zum Beispiel. Oder
den unsterblichen
Huckleberry Finn.
Und den wahnsinnigen
Dostojewskij. Er
kannte Der große
Meaulnes, den kennt
nicht jeder. Er
kannte auch Der
große Gatsby, den
kennt auch nicht
jeder." Selbst beim
Fußball wird noch
über Literatur
philosophiert: "Zwei
Dinge, Marko. Zum
einen der Glaube,
Romane wiederholten
das Leben. Das tun
sie nicht. Sie
wollen gerade weg
vom Leben. Sie
wollen es hinter
sich lassen. Sonst
brauchte doch
niemand Kunst zu
machen. Sonst
genügten
Werbebroschüren und
... Schulbücher. You
see that, don't you?"
Doch verfehlte diese
Kritik den Kern des
Romans. Denn
unabhängig von
gelegentlich
überzogenen
literarischen
Anspielungen wird
hier die Geschichte
eines Jungen
erzählt, der
zwischen mindestens
drei Welten pendelt,
von denen eine
verwirrender und
schwieriger ist als
die nächste.
Den größten Raum
nimmt das Internat
ein, in dessen alten
Gemäuern die Gesetze
der "Schwatten"
gelten. Die Insassen
werden von ihnen mit
Rauchverbot und
Gewissenserforschung
bis in die Träume
verfolgt. Es
leuchtet ein, dass
diesem Ort nur
entkommen kann, wer
den Willen und die
Moral eines Robinson
Crusoe hat.
Da sind aber auch
die modern
zerbrechende Familie
oder die Freunde und
deren verzweifelte
Versuche, sich
Mädchen "zu
besorgen". Das, was
Marko nur implizit
erzählt, ist seine
Überforderung auf
diesen verschiedenen
Feldern. "Ich trat
unter den
Sternenhimmel und
sah keinen einzigen
Stern. Ich sprach:
He, ich weiß doch,
dass ihr da seid!
Zeigt euch! Warum
müsst ihr euch
eigentlich dauernd
verstecken? Ich
glaube ja nicht,
dass ihr mir helfen
könnt. Aber es wäre
nicht schlecht, euch
gelegentlich zu
sehen." Um den
plötzlichen
"Nihilismus-Anfällen"
zu trotzen, schafft
Marko sich seine
eigene Welt. Hier
wird er zum Helden
im Kampf gegen einen
umfassend angelegten
Betrug, den das
"Buch der Ordnungen"
zu offenbaren
scheint.
"So sprach ich" ist
eine der
Lieblingswendungen
des Erzählers. In
Umwandlung der
biblischen Worte
"und Gott sprach"
bekräftigt er damit
kleine erzählerische
Schöpfungsakte.
Ähnliche
Assoziationen an
christliche
Grundmotive löst der
Titel des Romans
aus: Die Frage
Christi "Mein Gott,
mein Gott, warum
hast du mich
verlassen?" ist auch
Marko
klärungsbedürftig.
Die Hybris Markos,
der sich durchaus
als intellektueller
Außenseiter
wahrnimmt und sich
zu Höherem bestimmt
fühlt, bekommt
Nahrung durch die
Erwachsenenwelt. Der
Vater drängt ihn in
die Verantwortung
für den kleinen
Bruder; der
Internatsleiter
versucht, ihn als
Vorkämpfer gegen die
drohende Subversion
durch die
russisch-kommunistische
Pornoindustrie zu
werben. Humor und
Ernst klingen
ineinander. Unsicher
bleibt, ob der
Erzähler wie Ecos
Novize in Der Name
der Rose seinen
eigenen Konstrukten
auf den Leim geht,
oder ob sein
Engagement eine
erstarrte
Erwachsenenwelt
erschüttert.
Ingendaay nimmt die
Welt nicht nur
konsequent aus der
Perspektive des
15-Jährigen wahr,
sondern erzählt sie
auch in seiner
Sprache. Die ist
äußerst komisch,
wenn (mit einer
Verbeugung an Ulrich
Plenzdorf) in
brenzligen
Situationen erst
einmal die "Lage
analysiert" oder
Ratlosigkeit mit
einem "da steckt man
nicht drin"
kaschiert wird -
"solche Sachen"
eben. Man lächelt
gönnerhaft über
dieses sprachliche
Haudegentum, wird
aber im nächsten
Moment der eigenen
Platituden
überführt. Denn
Markos Raubzüge im
katholischen und
elterlichen Sprach-
und Gedankenschatz
machen es fraglich,
ob die Erwachsenen
ihrer Welt präziser
und direkter
begegnen.
Seinen Reiz gewinnt
der Roman in der
Verschlingung von
geheimnisvoll
raunender
Klosterwelt mit der
sozialen Realität
der 70er Jahre,
angetrieben durch
die Fantasie des
Erzählers und immer
wieder gebrochen
mittels
augenzwinkernder
literarischer
Verweise von Joseph
Conrad über J. D.
Salinger bis zu
Umberto Eco. Das von
humorvoller
Zuneigung und
Respekt getragene
"Jugendbildnis", das
Ingendaay hier
entwirft, trägt dem
Roman Sympathien
ein. Doch ist der
Wunsch nicht zu
leugnen, der Autor
möge seinem Erzähler
mehr Ökonomie
aufzwingen. Denn wie
Marko selbst sagt:
Autor und Erzähler -
"Das ist nicht
derselbe
Standpunkt."
Und so sehr das
mäandernde Erzählen
die jugendliche
Wahrnehmung
spiegelt, so sehr
verlangt man vom
erwachsenen Autor
den Mut, den Meißel
anzusetzen. Damit
dann tatsächlich
entsteht, was die
Längen des Romans
ersticken: Ein
Plädoyer für
Sehnsucht nach
Honig.