Die erzählte
Zeit dieses
Romans erstreckt
sich über ein
knappes Jahr,
ein Schuljahr,
das vorzeitig
abbricht, weil
der Erzähler von
der Schule
geworfen wird.
Es sind die
Jahre 1976/77,
jene Monate, die
dem "Deutschen
Herbst"
unmittelbar
vorausgehen.
Terroristische
Anschläge
erschüttern die
Bundesrepublik,
der
Baader-Meinhof-Gruppe
wird der Prozess
gemacht, die
Boulevardpresse
hysterisiert
planmäßig und
geradezu
lustvoll die
Bevölkerung.
Davon in diesem
Roman kein Wort.
Es ist, als ob
er auf einer
Insel spielte,
und in gewisser
Weise tut er das
auch. Die Insel
ist ein
katholisches
Jungeninternat
im
Niederrheinischen,
nahe der
holländischen
Grenze.
"Das Collegium
Aureum war das
bedeutendste
katholische
Internat im
Umkreis von
zweihundertfünfzig
Meilen. Nicht
das teuerste.
Auch nicht das
feinste. Sondern
einfach das
beste. 'Der
beschauliche
Ort, wo das
Bistum Münster
seinen
hoffnungsvollen
theologischen
Nachwuchs
gewinnt. Wo sich
Weltabgeschiedenheit,
humanistische
Bildung und
tiefreligiöse
Erziehung zu
einer
harmonischen
Einheit
verbinden.' So
ungefähr stand
es im Prospekt,
den
interessierte
Eltern in die
Hand gedrückt
bekamen."
Der Autor kennt
sich aus. Paul
Ingendaay hat
das Collegium
Augustinianum in
Gaesdonck
besucht, im
Niemandsland an
der
holländischen
Grenze, und er
hat dort 1980
auch Abitur
gemacht. Wie es
ihm dort erging,
wissen wir
nicht. Für Marko
Theunissen, den
15-, bald
16-jährigen
Ich-Erzähler
seines Romans,
ist das
Collegium
jedenfalls eine
"Insel der
Verzweiflung",
nach seinem
Lieblingsbuch,
Daniel Defoes
"Robinson
Crusoe", der
seinen
unfreiwilligen
Aufenthaltsort
"Island of
Despair" nannte.
Seine Eltern
haben ihn ins
Collegium
gegeben wegen
seiner
Lernprobleme,
sagen sie; in
Wirklichkeit
aber wohl, um
ihn sich vom
Halse zu
schaffen. Die
Ehe der Eltern
ist seit langem
nur Fassade, nun
geht sie
endgültig
auseinander, und
davon soll er
nichts
mitkriegen. So
kriegt er auch
von allem
anderen nichts
mit. Das
Collegium ist
ein "locus
conclusus", eine
Welt für sich.
"Das
Collegiumsgebäude
war insgesamt
gar nicht so
klein, aber wenn
man daran
dachte, dass man
nicht wegkam,
schrumpfte es
plötzlich zu
einer Insel
zusammen, einer
winzigen Insel
der Verzweiflung
im
niederrheinischen
Nichts direkt an
der
holländischen
Grenze, ohne
Autos, ohne
Mädchen, ohne
irgend etwas
Neues. Auch der
graue Himmel
darüber war ein
großes Nichts.
Man konnte um
den See
latschen, der
zum Collegium
gehörte, unser
altes
Baggerloch, und
wenn kein
Fußball war,
taten wir das
auch. Aber der
See war nur ein
bisschen Wasser,
das Ufer jede
Menge Lehm und
Gras, das war's
schon. Die
Unmöglichkeit
meiner Rettung
schien mir so
augenfällig,
dass kein Funke
von Hoffnung in
meinem Innern
zurückblieb."
Ein bisschen
viel
Verzweiflungspathos
- aber einem
15-Jährigen
durchaus
angemessen, der
auch den
klassischen
Pubertätssatz
loslässt:
"Ich dachte, die
ganze Welt
spricht eine
andere Sprache
als ich."
So trostlos der
Schauplatz für
den jugendlichen
Helden - für den
Autor ist er die
ideale Bühne.
Internatsromane,
von Enid Blytons
Mädchenserien
bis zu Kazuo
Ishiguros
verstörendem
Roman "Alles,
was wir geben
mussten", und
Inselromane
haben gemeinsam,
dass sie eine
Laborsituation
schaffen und das
Verhalten von
Menschen ohne
störende
Einwirkungen von
außen beobachten
können. Marko
und seine
Leidensgefährten
verbindet mit
der Außenwelt
lediglich das
Recht, alle paar
Wochen nach
Hause zu fahren,
und der dünne
und wenig
verlässliche
Draht des
Telefons.
Telefongespräche
mit seinen
Eltern sind für
Marko eine Qual,
für den Leser
allerdings fast
ein boshaftes
Vergnügen. Wenn
Marko zuhause
anruft, ist
unweigerlich
sein Vater am
Apparat, ein
Notar, der bei
seinem Sohn den
Eindruck
erweckt, er läse
nebenher eine
Akte. Er hört
nicht richtig
zu, er
weicht allen
wichtigen Fragen
aus, und Markos
Nöte würgt er
mit Phrasen wie
"Eins nach dem
anderen" ab.
Selbst wenn er
zu schwärmen
beginnt, etwa
während eines
Frankreich-Urlaubs,
wirkt es
aufgesetzt und
unecht:
"Frankreich,
dieses schönste
aller Länder,
sagte mein Vater
immer.
Wochenlang bekam
er sich nicht
mehr ein vor Lob
auf die
Pfirsiche, den
Rotwein und die
Croissants.
Diese
Croissants!
sagte er. Die
macht den
Franzosen keiner
nach. Eigentlich
nur ein bisschen
Butter und
Blätterteig.
Aber keiner
kennt das
Croissant-Geheimnis
außer den
Franzosen. Seht
ihr die
Weinberge! rief
er am Abend.
Dort reift, was
wir gerade
trinken."
Und als der Sohn
nicht das
trinken will,
was da gerade
reift, sondern
lieber ein Bier,
macht der Vater
auch daraus eine
gestelzte Szene:
"'Gut', sagte
mein Vater, 'da
haben die
Franzosen ihr
Kronenbourg, das
besorgen wir.
Ein leichtes,
bekömmliches
Bier, das du
nicht bereuen
musst. Der
Ehrgeiz der
Franzosen gilt
ja eher dem Wein
als dem Bier.
Aber auch für
Leute mit
Bierdurst ist in
Frankreich immer
gesorgt. Ein
kühles bière
blonde ist genau
das richtige.
Wir besorgen dir
das alte
Kronenbourg.
D'accord?'"
Und die Szene
mit dem alten
Kronenbourg,
vielmehr die
Erinnerung an
diese Szene
nimmt für den
Vater die Stelle
ein, wo
eigentlich die
Vatergefühle
sitzen müssten.
Die Telefonate -
die Mutter ist
im übrigen stets
rätselhafterweise
abwesend -
deprimieren
Marko zusehends,
weil sich eine
dunkle Ahnung
immer weniger
verdrängen
lässt: Seine
Eltern trennen
sich, die
Familie bricht
auseinander. Was
das bedeutet,
kann er sich
noch gar nicht
vorstellen. Um
so beruhigender
wirkt da die
klösterliche
Ordnung des
Collegiums.
Das Collegium
ist ein
Erziehungsinstitut,
und es nimmt
seine Aufgabe
mit strengem
Ernst wahr.
Vorschriften
regeln jede
Minute des
Tageslaufs, auch
die karge
Freizeit wird
genau überwacht.
Die Beichte und
andere Formen
der
Gewissenserforschung
richten ihre
Kontrollinstrumente
tief ins Innere
der Kinder, und
wenn es ein
Verfahren der
Traumausspähung
gäbe, würden die
Patres und
Schwestern nicht
zögern, sie
anzuwenden.
Tiefpunkt der
Collegiumskultur
sind die
Mahlzeiten.
"Montags gab es
Fettläppchen mit
Mischgemüse. Ein
mittelschlechter
Tag, weil die
Woche begann und
manche Sachen
noch frisch
waren,
theoretisch
jedenfalls. Das
heißt, sie waren
frisch, als sie
in der Großküche
des Collegiums
angeliefert
wurden. Aber
schon ein paar
Stunden später
hatten sie sich
in den alten
Collegiumsfraß
verwandelt, den
wir kannten, als
hätten sie neun
Tage lang
herumgelegen und
wären am zehnten
ohne Gegenwehr
vergammelt. Die
Fettläppchen
hießen
eigentlich
Bonanza-Steaks
und waren so
groß wie, na ja,
ein Päckchen
Kaugummi. Ein
bisschen breiter
vielleicht, aber
genauso
elastisch. Oh,
Boy. Die Hälfte
davon war
Schweinefleisch,
das von den
Collegiumsschweinen
kam. Die andere
Hälfte der
Fettläppchen war
reines
Schweinefett.
Stellt euch das
Ganze paniert
vor und schön
braun gebraten.
Das war die
Tarnkappe, damit
man nicht sah,
wo das Fett
begann.
Man schnitt in
das Fettläppchen
und dachte, oh,
das muss der
Fettstreifen
sein, und setzte
das Messer
woanders an.
Aber auch da
schnitt man ins
Fett.
Oh, so viel
Fett! dachten
die, die das
Fettläppchen
noch nicht
kannten. Und
dann schnitten
sie links hinein
und rechts
hinein, dann
vorne und
schließlich
hinten. Und
überall
schnitten sie in
reines Fett."
Aber erst am
Wochenende lässt
der Autor, den
eigene
Erfahrungen hier
zweifellos
beflügeln,
seinen Helden zu
großer
erzählerischer
Form auflaufen:
"Vom
Wochenendfraß
auf dem
Collegium Aureum
will ich fast
schweigen,
besonders vom
wortkargen
Nudelsalat, der
in einer absolut
ungesetzlichen
Schmiere ruhte.
Nur das müde
Graubrot muss
ich noch
erwähnen, dazu
seinen
zuverlässigen
Partner, die
kranke
Fleischwurst.
Die beiden
traten immer als
Paar auf. Am
müdesten waren
die beiden am
Sonntag abend.
Blass und
abgespannt und
unterernährt
lagen sie auf
ihren Tellern,
das Graubrot auf
dem einen
Teller, die
Fleischwurst auf
dem anderen
Teller.
Wir wussten,
dass sie nicht
mehr auf die
Beine kommen
würden, beide
nicht. Sie
funkten sich nur
noch schwächer
werdende
Botschaften zu."
Gehabte
Schmerzen, die
hab ich gern,
sagt Wilhelm
Busch. An der
lustvoll-ekligen
Tonart dieses
gastronomischen
Schreckensgemäldes
erkennt der
Leser, dass
Marko keine
schwereren
Schäden am Leib
davongetragen
hat.
An der Seele
auch nicht. Das
Collegium Aureum
ist kein
Schreckensort,
die katholische
Kirche hat ihre
Methoden nicht
nur verfeinert,
sondern auch
humanisiert.
Zwar erinnert
sich der
Erzähler noch
mit Grausen an
die
Gruppensitzungen,
die er als ganz
junger Zögling
erdulden musste,
als eine
Erzieherin mit
dem Spitznamen
"Schwester
Gemeinnutz" die
zarte Psyche der
Zehnjährigen mit
so genannter
"Wahrheitserforschung"
malträtierte.
Der 15-Jjährige
aber hat sich
längst eine
solide seelische
Rüstung
zugelegt.
Zusammen mit
seinen Freunden
und
Zimmergenossen
Onni, Motte und
Tilo hat er eine
innere Gegenwelt
zum Reich der "Schwatten"
aufgebaut, wie
die Patres
genannt werden.
Weltanschaulich
eine wilde
Mischung aus
Angelesenem,
Aufgeschnappten,
Ausgedachtem und
Erfahrungswissen,
eine Mischung,
die er
"Nihilismus"
nennt, in der
die Frage nach
Gott aber immer
noch eine
wichtige Rolle
spielt. Nicht
mehr die
wichtigste - das
wird zunehmend
die Frage, wie
man im
niederrheinischen
Nichts Mädchen
kennen lernen
kann, und, wenn
man sie kennen
gelernt hat,
wann man sie
küssen soll und
wie man das
richtig anfängt.
Die Dogmen der
Patres sind für
Marko nur noch
leere Formeln,
die Patres
selbst haben
jede moralische
Autorität,
sollten sie sie
jemals gehabt
haben, verloren.
Ingendaay ist
kein Musil, und
sein Held kein
Törless. Die
Kombination von
Abgeschlossenheit
und Druck führt
hier nicht zum
Sadismus,
sondern zu
Solidarität und
innerer
Unabhängigkeit.
Diese macht es
dem Erzähler
auch möglich,
die komischen
Seiten ihrer
Betreuer und
Bewacher
wahrzunehmen.
Etwa bei der
Planung des
großen
Stiftungsjubiläums,
bei dem das
Lehrerkollegium
ein zugkräftiges
Motto sucht.
Irgendwas mit
Bildung und
Zukunft, so soll
es heißen. Aber
wie genau?
Darüber redet
man sich die
Köpfe heiß.
"Als die
Für-die-Zukunft-Partei
nach langen
Verhandlungen
die Oberhand
gewonnen hatte,
die
In-der-Zukunft-Partei
hoffnungslos in
die Minderheit
geraten und die
Mit-einer-Zukunft-Partei
drauf und dran
war, dem Drängen
der
Für-die-Zukunft-Partei
nachzugeben und
deren Beschluss
zu unterstützen,
um die Einheit
des Collegiums
nicht zu
gefährden,
meldete sich
plötzlich Leo
Siebenwirth und
sagte, er habe
kürzlich eine
interessante
Entdeckung
gemacht. In
einer
Wahlbroschüre
der christlichen
Partei, der man
so dringend
wieder die
Verantwortung
für die Führung
des Landes
wünsche, in
dieser
Wahlbroschüre
habe gestanden:
Für ein Land mit
Zukunft. Nicht
mit einer
Zukunft, sondern
mit Zukunft.
Ohne Artikel. Er
selbst,
Siebenwirth,
habe zunächst
gestutzt und
sich gefragt, ob
diese Verwendung
überhaupt
korrekt sei.
Dann habe er
über die Bildung
deutscher Nomina
nachgedacht,
namentlich die
Bildung jener
herrlich
bildhaften,
ausdrucksstarken
Nomina, die wir
dem deutschen
Mystizismus
verdanken und
aus denen sich
bis heute die
Stärke des
deutschen
Denkens speise,
seine
einzigartige
Fähigkeit zur
Abstraktion, und
er habe schon
dort, im
zwölften
Jahrhundert,
eine
gewissermaßen
heimliche
Neigung zur
artikellosen
Nominalisierung
ausgemacht,
welche dem
Slogan der
christlichen
Partei etwas
vertrauenerweckend
Gebildetes und
zugleich
unverkennbar
Modernes gebe,
die ideale
Verschmelzung
von profunder
Gelehrsamkeit
und jugendlichem
Optimismus, von
Solidität und
Aufbruchsgeist.
So wie man
heute,
namentlich unter
progressiven
Geistlichen,
auch oft höre:
Kirche ist da,
wo Gebet ist.
Nicht die
Kirche, sondern
nur: Kirche.
Nicht das Gebet,
sondern nur:
Gebet.
Kirche ist immer
da, wo
Frömmigkeit ist,
sagte
Siebenwirth.
Frömmigkeit ist
da, wo Gebet
ist. Zukunft ist
da, wo Bildung
ist. Die ideale
Verschmelzung
von Solidität
und
Aufbruchsgeist."
Und, könnte man
diese
unglaubliche
Suada ergänzen,
Wahrheit ist da,
wo Worte und
Taten
übereinstimmen,
was aber, wie
Marko und seine
Freunde längst
wissen, im
Collegium nur
ausnahmsweise
der Fall ist. In
der Regel wird
von den Patres
bis hinauf zum
Präses, dem
Klosterobersten,
gelogen und
geheuchelt, dass
sich die
mittelalterlichen
Klosterbalken
biegen. Die
Ausnahme hat
einen Namen:
Pater Gregor.
Gregor hat es
sich nicht im
warmen Bad des
Dogmas bequem
gemacht, er
bewegt sich in
der eisigen Welt
des Zweifels.
"Er war beliebt,
weil er nicht
gut strafen
konnte, weil ihn
das Züchtigen
nicht
interessierte,
weil er in der
Lage war, sich
um seine eigenen
Sachen zu
kümmern, statt
ständig zu
beobachten, was
die Schüler
taten. Ich
glaube, das war
es. Er hatte ein
eigenes Leben,
das mit den
Schülern nichts
zu tun hatte,
und sie spürten,
dass ihm dieses
eigene Leben
etwas bedeutete.
Er musste sich
von den Schülern
nichts holen, um
irgendeine
eigene Leere
auszugleichen.
Deshalb konnte
er schon mal an
ihnen
vorbeigehen,
ohne sie mit
prüfenden
Blicken
anzusehen.
Manchmal sah er
sie gar nicht.
Und auch das
fanden wir gut.
Wir wollten
nicht gesehen
und überprüft
und kontrolliert
werden, selbst
wenn wir uns an
die Ordnung
hielten. Wir
wollten nicht
ständig mit der
Ordnung leben.
Wir wollten sie
nicht spüren,
nicht wissen,
dass sie da ist,
nicht erklärt
bekommen, dass
wir sie
erfüllten,
sofern wir sie
erfüllten. Wir
wollten die
Ordnung
vergessen
können."
Mit dem Erzähler
führt Gregor
lange Gespräche
über Bücher, die
nicht auf dem
Lehrplan stehen,
über Gewissens-
und
Lebensfragen,
auf die Bibel,
Brevier und
Gebetbuch keine
Antworten
kennen. Vor
allem lässt
Gregor erkennen,
dass er selbst
keine kennt. Und
dass man auch
das ertragen
kann.
Nach und nach
erfährt Marko
von einem
anderen Lehrer,
Clemens
Nippermann, der
Gregor ein enger
Freund wurde,
ein vielleicht
zu enger für
das, was im
Kloster erlaubt
ist. Dieser
Nippermann war
selbst ein
Außenseiter, er
allerdings, weil
er den Glauben,
die Vorschriften
und die Ordnung
zu ernst nahm.
Seine
Collegiumslaufbahn
endete mit einem
Skandal; er
brannte mit
einem
Küchenmädchen
durch. Das war
wohl der
entscheidende
Schlag für Pater
Gregor, der -
das ahnt der
Leser, wenn
schon nicht der
Erzähler - den
Männern zugetan
ist. Seine
Verehrung für
die
Opernsängerin
Maria Callas,
der er
nächtelang vor
dem
Plattenspieler
zuhört,
funktioniert als
Sublimierung
nicht dauerhaft;
Pater Gregor
erhängt sich
schließlich in
seinem Zimmer.
Die
Klosterleitung
versucht, das
mit allen
Mitteln zu
vertuschen, aber
Marko lässt bei
einer
angeordneten
Fürbittenverlesung
die Bombe der
Wahrheit
platzen. Dafür
wird er von der
Schule
verwiesen. Er
hat ja auch
genug gelernt
fürs Leben.
"Warum du mich
verlassen hast"
ist ein
Pubertäts-, ein
Internats- und
auch ein
Bildungsroman,
und er mischt
die
Ingredienzien
dieser Genres zu
einer ganz
eigenen Mixtur.
Der Held
verlässt den
Schauplatz
seiner Taten als
ein gereifter,
nahezu
erwachsener
Mann. Er hat
zweierlei
gelernt: erstens
die Lügengebäude
der tatsächlich
Erwachsenen zu
durchschauen,
und zweitens es
auszuhalten,
dass sich nicht
ohne weiteres
eine eigene
Wahrheit an ihre
Stelle setzen
lässt.
Lügen-Dekonstruktion
nimmt einen
weiten Raum in
diesem Roman
ein, und der
Erzähler wendet
seine zunehmende
Meisterschaft
darin auf seine
Eltern wie auf
die Erzieher an.
Wobei letztere,
durch
jahrtausendelange
Tradition der
katholischen
Kirche, eine
ungleich
raffiniertere
Lügentechnik
vorweisen
können. Das
zeigt etwa die
Szene, als
Schwester
Gemeinnutz zwei
Zehnjährige aus
den Laken zerrt,
die sich im Bett
aneinander
gekuschelt haben
- um sich in
aller Unschuld
über ihr Elend
und ihre
Einsamkeit
hinwegzutrösten:
"So eine
Schweinerei, in
den
verschwitzten
Laken eines
anderen zu
liegen", rief
Schwester
Gemeinnutz. Und
in zehn,
zwanzig, vierzig
kleine
Kindergehirne
sickerte ein,
dass es eine
schwere Sünde
war, in den
Laken zu liegen,
in denen schon
ein anderer
geschwitzt
hatte. Es
kostete mich
drei oder vier
Jahre, den
komplizierten
Charakter dieser
Lüge zu
verstehen.
Nicht nur die
Wahrheit ist
manchmal schwer
zugänglich, auch
die Lüge kann
ihre Geheimnisse
haben. Und die
Lüge von
Schwester
Gemeinnutz barg
ein tiefes
Geheimnis. Sie
ersetzt ein
echtes Tabu
durch ein
erfundenes. Wir
waren
unschuldig, eine
Horde kleiner
Kinder, die
nicht wussten,
woher die Babys
kommen. Und
diese
ahnungslosen
Kinder überzog
Schwester
Gemeinnutz mit
einer frei
erfundenen
Sünde, einer
Sünde, die es
gar nicht gab,
einer
Phantasiesünde,
nur damit das,
woran Schwester
Gemeinnutz
dachte, wenn sie
zwei nackte
Kinder zusammen
im Bett sah,
nicht ans Licht
kam. Denn es
durfte ja nicht
ans Licht, was
zwei dort im
Bett miteinander
treiben könnten,
wenn sie älter
wären. Gerade
das durfte nicht
ans Licht des
Herrn."
Hier also die
Dekonstruktion
der Ordnung der
Lüge, dort der
Versuch, es
auszuhalten,
dass die
Wahrheit nur als
Stückwerk zu
haben ist, dass
man, wie der
Erzähler es
nennt, mit einem
"relativen
Universum"
auskommen muss.
Das gehört zu
den
entscheidenden
Lernschritten
dieses
Schuljahrs,
dieses
Erziehungsromans.
Es gibt
Hilfskräfte und
Hilfsmittel auf
diesem Weg,
neben Pater
Gregor vor allem
Jan Spans, ein
Handwerker, der
im Collegium
lebt, aber
dessen
Herrschaft nicht
unterworfen ist.
Er gibt Marko
eine merkwürdige
Kladde zu lesen,
ein Schriftstück
mit dem Titel
"Buch der
Ordnung", dessen
Autor sich nicht
zu erkennen gibt
und das Vorgänge
aus der jüngsten
Vergangenheit
des Klosters mit
souveräner
Klarsicht, ja
nicht ohne einen
gewissen
Zynismus
niedergelegt
hat. Aber auch
dieses Buch, das
im Stil
auffällig mit
Markos Erzählton
kollidiert und
auch in einer
anderen
Schrifttype
gesetzt ist,
führt ihn nicht
ins Reich der
Wahrheit,
sondern hilft
ihm nur, zu
relativieren,
lehrt ihn das
Wichtigste:
selber zu
denken.
Eine weitere
Hilfe ist die
Literatur. Sie
bietet
sprachlichen und
geistigen
Widerstand gegen
den routinierten
Collegiums-Katholizismus,
sie bietet
Identifikationsmöglichkeiten
und eine reiche
innere Welt. Wie
der große
Meaulnes aus
Alain-Fourniers
gleichnamigem
Roman will Marko
"liebenswürdig,
sinnenfroh,
grausam und
einsam" sein.
Wie Robinson
Crusoe und in
dessen Worten
hadert er mit
seinem Schicksal
und bezieht
Trost aus dessen
Inselkoller-Bewältigungstechniken.
Und Senecas
Briefe sind ein
eiserner Hammer
gegen jegliche
voreilige
Versöhnung mit
der
Wirklichkeit.
Ein für die
Qualität des
Buches
entscheidender
Aspekt ist noch
nicht behandelt
worden: die
Sprache. Paul
Ingendaay hat
die Perspektive
des 15-jährigen
eingenommen, er
beschränkt sich
radikal auf sie,
und er fürchtet
die Konsequenzen
nicht. "Warum du
mich verlassen
hast" ist in
einer Art
Jugendsprache
gehalten, und
das über 500
Seiten. Das ist
zuviel,
zugegeben, und
es führt zu
gewissen
Ermüdungs- und
Erschlaffungserscheinungen.
Aber wer das für
ganz
unerträglich
hält und diesem
Buch deshalb gar
nicht näher
tritt, versäumt
etwas Lohnendes.
Ingendaays
Experiment mit
Jugendsprache
und
Jugendlichenperspektive
gelingt aus vier
Gründen. Erstens
ist diese
Sprache
historisch, sie
gehört in die
70er Jahre.
Ingendaay kennt
sich da aus, und
der historische
Abstand erlaubt
auch eine
gewisse
Diskretion in
den Mitteln,
vermeidet also
Aufdringlichkeit
und platten
Pseudo-Naturalismus.
Durch diese
Zurückhaltung,
zweitens, kommt
er mit wenigen,
dafür aber genau
gesetzten
Signalen aus.
"Leute", sagt
Marko dann und
wann, "oh Boy",
stöhnt er, und
mit "solche
Sachen"
resümiert er
vage, was genau
auszuführen er
jetzt zu bequem
ist. Damit ist,
drittens, eine
Situation der
Mündlichkeit
inszeniert; der
Roman imitiert
keinen
Schriftakt,
sondern
Oralität. Ganz
wie ein anderes,
weitläufig
verwandtes
Jugend-Buch,
Salingers
"Fänger im
Roggen". Die
mündliche
Erzählung neigt
nicht zur
Konzentration,
sondern zur
Weitschweifigkeit,
zur
Wiederholung,
zum Insistieren,
zum Betonen
wichtiger Wörter
- und die sind
im Text dann
kursiv
hervorgehoben,
was nur den
nerven kann, der
den
Verweischarakter
auf die
Mündlichkeit
nicht erkannt
hat. (Ganz ein
bisschen
freilich nervt
es auch den, der
es erkannt hat.)
Schließlich,
viertens, wird
diese
Marko-Ingendaaysche
Jugendsprache
durch
literarische
Einsprengsel
durchsetzt und
so verfremdet.
"So sprach ich",
heißt es dann:
So spricht
natürlich kein
15-Jhriger, auch
kein Marko,
sondern
Robinson, oder
Marko, der kurz
mal Robinson
ist, weil ihn
das vom
Marko-Sein
befreit.
In Deutschland
gibt es ein
hartnäckiges
Vorurteil, das
da lautet,
Kritiker könnten
keine Romane
schreiben. Paul
Ingendaays
literarisches
Debüt ist
geeignet, dieses
Vorurteil zu
entkräften.