Die Zeit 16.03.2006
Hanni
und Nanni für kluge
Köpfe
»Warum du mich
verlassen hast« –
das Romandebüt des
Literaturkritikers
Paul Ingendaay
Von Andreas
Isenschmid
Verwegen darf man es
nennen, heute noch
einen Internatsroman
zu schreiben – das
Terrain ist
literarisch fast so
abgegrast wie
Venedig. Kühn wird
man es nennen, mit
einem Internatsroman
sein literarisches
Debüt zu bestreiten.
Tollkühn aber muss
man es nennen, wenn
einer sich
unterfängt, mit
einem Internatsroman
von der
Kritikerzunft in die
der Romanschreiber
zu wechseln. Das
ist, was der
Literaturkritiker
Paul Ingendaay
(Jahrgang 1961) mit
seinem
Erstlingsroman
Warum du mich
verlassen hast
wagt. Er erzählt von
einem katholischen
Internat am
Niederrhein,
natürlich ohne »jede
Ähnlichkeit mit
lebenden oder toten
Personen«, wenn man
von der gewiss
zufälligen
Einzelheit absieht,
dass Ingendaay an
just einem solchen
Internat sein Abitur
gemacht hat.
Als mildernder
Umstand ist
festzuhalten, dass
Ingendaay alle Gaben
hat, um den in
Deutschland seit je
besonders
argwöhnisch
beobachteten
Spartenwechsel mit
Glück zu bestehen.
Er gehört zu den
begabtesten
Redakteuren im
Feuilleton der
Frankfurter
Allgemeinen Zeitung.
Er schrieb als
Redakteur im
Literaturblatt so
klug und so
stilsicher wie
wenige über
Literatur, zumal
amerikanische. Und
er berichtet als
Feuilletonkorrespondent
der FAZ in Madrid
nun schon seit
Jahren über eine
Kultur, in der die
Grenze zwischen
Autoren und
Kritikern fließend
ist.
»Wenn ihr das
wirklich hören
wollt, dann wollt
ihr wahrscheinlich
als Erstes wissen,
wo ich geboren bin,
wie meine miese
Kindheit war und was
meine Eltern getan
haben und so, bevor
sie mich kriegten,
und den ganzen
David-Copperfield-Mist,
aber eigentlich ist
mir gar nicht
danach, wenn ihr’s
genau wissen wollt.«
So beginnt nicht
Ingendaays Warum du
mich verlassen hast,
nein, so beginnt
sein großes Vorbild,
J. D. Salingers
Der Fänger im Roggen.
Wie Salinger erzählt
Ingendaay von einem
etwa
fünfzehnjährigen
jugendlichen Helden,
und wie Salinger
lässt er ihn in der
ersten Person in
einem überdrehten
Jugendidiom auf
seine kaum
verflossene
Adoleszenz
zurückblicken – alle
Nase lang sagt er:
»solche Sachen,
Leute« und »Mann,
bist du bescheuert«.
Beider Autoren
Helden reden über
Gott und die Welt,
die Mädchen, die
Eltern, die Bücher.
Aber während
Salingers Holden
Caulfield viermal
vom Internat flog
und sich im Lauf
eines 250-seitigen
Buches durch halb
New York treibt,
fliegt Ingendaays
Marko Theunissen
erst zum Ende des
Buches raus und
treibt sich vorher
auf 500 Seiten
vorwiegend im Innern
des Internats herum.
Womit wir beim Kern
des Problems wären.
500 Seiten
Jugendjargon über
acht Monate, so
lange dauert die
Romanhandlung, an
einem doch etwas
beschränkteren Ort
als New York – das
bereitet einige
schriftstellerische
Schwierigkeiten, und
nicht alle hat
Ingendaay gleich
glücklich gelöst.
Was kann er gut, was
weniger?
Er ist gut, will
sagen: detailreich
funkelnd, satirisch,
lebendig in den
zahlreichen Episoden
des Internatslebens.
Die Schrecken des
Speisesaals und des
abscheulichen
Essens, die Tücken
des nächtlichen
Herumschleichens,
die Lüste verbotener
Eskapaden, alles
hintreibend zur
Schwelle des ersten
Kusses – das gelingt
Ingendaay sehr fein.
Er hat ein Händchen
für die
Binnendramaturgie
von Episoden. Hier
finden sich die
Momente, in denen
der flapsige Ton und
das Sujet am besten
verschmelzen, die
Satire verkühlt
nicht, die Gefühle
sind nicht gefühlig.
Und hier ersteht das
farbige Gruppenbild
der vielen,
Geschwister wie
Schulkollegen
umfassenden
Nebenfiguren.
Glänzend gelingen
die beiden
Romanteile, auf die
es Ingendaay gewiss
am meisten ankommt
und in denen das
Thema des Romans
konzentriert ist:
der Übergang von der
Kindheit zur
unbehüteten Zeit des
jungen Erwachsenen.
Fürs Ende der
Kindheit steht die
Trennung der Eltern,
die den ganzen Roman
strukturiert: Erst
dräut sie in
Andeutungen, und
Marko reagiert mit
Krankheit. Dann
erfährt er, dass die
Eltern seit einiger
Zeit getrennt leben
und ihn darüber
belogen haben, er
reagiert mit
Rückzug. Zum
Schluss, als er
selber fast ein Mann
geworden ist, kann
er akzeptieren, dass
sich seine Mutter
einen neuen Mann
genommen hat;
nachdem er sie stets
abgewiesen hat, darf
sie ihn abholen, als
er aus dem Internat
fliegt. Auf der
letzten Seite fahren
Mutter und Sohn im
Auto des neuen
Lovers beinahe
verliebt in die
Zukunft.
Für die
Unbehütetheit steht
die Beziehung Marko
Theunissens zu
seinem Lehrer Bruder
Gregor, der schönste
Teil des Romans.
Bruder Gregor
verwickelt Marko im
ersten Teil des
Romans in
literarische und
lebensphilosophische
Gespräche, die
Autoren wie Seneca,
Dürrenmatt und
Alain-Fournier
gelten, um Glauben
und Nihilismus
kreisen und allesamt
im Schatten der
Kierkegaardschen
Krankheit zum Tode
stehen. Wie Marko
das Zuhause der
Eltern verloren hat,
verliert er in einer
dramatischen
Schlussvolte, die
wir nicht
ausplaudern wollen,
Bruder Gregor,
seinen Führer durchs
Unbehauste. Aber da
ist er schon selber
Manns genug, um eine
Schande der
Internatsleitung
anzuprangern und
sich kompromisslos
rausschmeißen zu
lassen.
Und was soll an
diesem aus guten und
glänzenden Partien
bestehenden Roman
weniger geglückt
sein? Schematisch
gesprochen dies:
Ingendaay hat einen
schönen 250-seitigen
Roman in ein
unüberzeugend
proportioniertes
500-seitiges Buch
gesteckt. Er lässt
sich erst sehr viel
Zeit für episodische
Fingerübungen, bevor
er mit der Trennung
der Eltern die
Geschichte richtig
angehen lässt. Er
streckt sie dann
weiter mit im
Einzelnen schönen,
in ihrer Massierung
aber verzögernden
Episoden, bis er in
der zweiten Hälfte
endlich entschieden
die Krise um Bruder
Gregor in den
Mittelpunkt rückt.
Doch auch da gibt er
der Geschichte,
unter fortgesetzter
Zugabe bunter
Beilagen, durch
einen krimihaften
Dreh einen Schub,
der von der Sache
eher ablenkt. Dass
er nicht recht
wusste, was er
wollte, belegt
zuletzt noch sein
Umgang mit der
Erzählweise.
Salingers Held
erzählt im Präsens
in einem Sanatorium,
wo er sich seine
gerade
zurückliegende Zeit
aufgekratzt von der
Seele redet.
Ingendaays Held
spricht im
Präteritum, und man
fragt sich die ganze
Zeit, wann und wem
er diese Sache in
dieser Tonart
eigentlich erzählt
und warum wir von
der Umgebung, in der
er das tut, so gar
nichts erfahren. Der
Jargon ist in
Ingendaays Fall eine
bisweilen nervende
Manier – genau darum
verschwindet er in
den Teilen des
Buches, die man am
liebsten liest, den
ernsten und
traurigen, auch fast
ganz. Oft hat sich
Ingendaay dann so
weit vom Ego seines
Helden entfernt,
dass er ihn über
längere Strecken in
die dritte Person
fallen lässt und
damit einen Ton
trifft, den man auch
in einem nächsten
Buch dieses Autors
gerne wiederfände.
DIE ZEIT 16.03.2006
Nr.12
Quelle:
www.zeit.de/2006/12/L-Ingendaay-TAB