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Berliner Zeitung 16.03.2006

Häuptling Twain wacht über die Worte

Bücher, Gott und Mädchen: Paul Ingendaays Debütroman "Warum du mich verlassen hast"

Von Katrin Schings

Schwester "Gemeinnutz geht vor Eigennutz" ist ein Drache mit mümmelnden Kaninchenlippen. Sie verfolgt den Zögling Marko noch lange nach ihrem Abgang vom Klosterinternat Collegium Aureum in seinen Träumen. Sie steht für alles Bigotte, Verlogene und Autoritäre der Klosterschule. Es gehört daher zu Markos Heldentaten, dass er eines Tages Schwester Gemeinnutzens Büchlein "Verkehr mit Gott" im Internatsteich versenkt.

Irgendwo am Niederrhein steht dieser düstere Bau, an den der 10-jährige Marko von seiner Familie hin verbannt wird. Er soll in der Schule besser werden und von den Eheproblemen der Eltern verschont bleiben. Der Anfang ist schlimm, aber Marko beißt sich durch, findet Freunde und ahnt bei den spärlichen Telefonaten nach Hause, dass es dort nicht viel besser ist.

"Warum du mich verlassen hast" ist der Debütroman des 1961 geborenen, in Madrid lebenden Literaturkritikers und Kulturkorrespondenten der FAZ Paul Ingendaay. Das Buch ist "Spitzentitel" der Saison des Verlags SchirmerGraf. Ingendaay, selbst ehemaliger Klosterinternatsschüler, ist es gelungen, den an ihn gerichteten hohen Anspruch durch einen Überraschungscoup geschickt zu unterwandern.

Erzähler der 500 Seiten ist Marko im Jahr 1976/77. Zu dieser Zeit hat er sich schon einen gewissen Stand am Collegium erarbeitet, denn er ist begabt und sensibel. Sein Hauptinteresse gilt der Literatur und sein alter ego auf dieser "Insel der Verzweiflung", wie er das Internat nennt, ist Robinson Crusoe. Der sympathischste "Schwatte", der Ordensbruder Gregor, ist ganz vernarrt in Marko. Marko erwidert die Zuneigung, hält aber Abstand, um nicht zu sehr in das verkorkste Leben des Ordensbruders hineingezogen zu werden. Bücher, Gott und Mädchen sind neben der Sinnfrage die großen Themen Markos, der sich als Nihilist empfindet. Diese Haltung macht nicht froh, doch die täglichen Zumutungen perlen leichter ab.

Die schrecklichen Verbote und Bestrafungen kommen ebenso auf den Tisch wie der rührende Witz, Sexheftchen "graphische Zeitschriften" zu nennen. Darüberhinaus erzählt Marko von seinen Sehnsüchten und dass er viel und gerne masturbiert. Eine schwüle Atmosphäre entsteht durch diese Offenbarungen nicht, aber es läuft auch alles ein bisschen zu normal. Das Buch ist durchgehend in der Sprache eines gut erzogenen, Proust-geschulten und Dostojewski-festen 15-Jährigen erzählt und spricht den Leser direkt an. "Okay, ich sage euch etwas." Am Vorbild William Gaddis hat Ingendaay seine Dialogkunst geschliffen und der große Häuptling Mark Twain wacht über jedes Wort, ob es wert sei, gesagt und aufgeschrieben zu werden!

Durch diese klare Jungenstimme unterläuft und erfüllt Ingendaay die hohen Erwartungen. Das ganze Buch ist eine Art fragender Standpunkt. Meisterhaft geschrieben, manchmal sarkastisch und nie ohne einen feinen Humor.

Kein Kloster ohne Geheimnisse. Dunkle Dinge geschehen und Marko ist mittenmang. Man befürchtet schon den unvermeidlichen Klosterkrimi, doch es kommt anders. Die Ehe seiner Eltern zerbricht und Marko geht daran fast zugrunde. Als das einschneidendste Erlebnis in seinem bisherigen Leben bekommt die Scheidung viel Raum und geht sehr unter die Haut.

Auf den letzten 100 Seiten überschlagen sich die Ereignisse und Aufklärung tut an allen Ecken und Enden not. Marko lehnt sich gegen die düsteren Verwicklungen im Kloster auf und siegt auf der ganzen Linie, daran ändert auch das Understatement in seiner Erzählweise nichts. Sogar eine Freundin hat er am Ende des Buchs gehabt und weiß nun, wie man küsst.

Er verlässt das Internat als freier Mann, dem seine schöne Mutter, die ihn mit dem Auto abholt, eine Zigarette anbietet. Dreams come true! "Warum du mich verlassen hast" ist ein Bildungs- und Entwicklungsroman und ein starkes Buch für Jungen in der Pubertät, denn es macht Mut zum Aufrechtstehen und Hinterfragen. Für Erwachsene hingegen ist der ungebrochene Anspruch auf Wahrhaftigkeit zu direkt und dringlich.

Quelle:
www.BerlinOnline.de/berliner-zeitung/serie_bmesse/534520.html

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