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Roman SchirmerGraf Verlag, München 2006 Leinen mit Schutzumschlag und Lesebändchen 512 Seiten, € 24,80 sFr 44,40 ISBN 3-86555-025-8
Ich stellte mir eine Gruppe fünfzehnjähriger Schüler vor, Marko und seine Freunde Motte, Tilo und Onni. Sie leben auf einem katholischen Jungeninternat am Niederrhein und ringen mit den orts- und altersbedingten Widrigkeiten: dem miesen Essen, dem miesen Wetter, der starren Ordnung, dem Zwang zum Kirchgang, der unstillbaren Sehnsucht nach Mädchen. Außerdem rauchen sie Zigaretten und trinken gelegentlich Alkohol, und wenn sie dabei gepackt werden, müssen sie zum Schlammausheben in den Klostergraben.
Irgendwann spürt Marko, daß die Ehe seiner Eltern aus dem Ruder läuft, will es aber nicht wahrhaben. Unglücklich, wie er ist, sieht er sich als Robinson Crusoe, der auf der Insel der Verzweiflung ums Überleben kämpft. Im selben Jahr, als auch sein kleiner Bruder Robert aufs Collegium kommt und ihn zwingt, sich an seine qualvollen Anfangsjahre bei Schwester Gemeinnutz, dem bösen Drachen des Romans, zu erinnern, wird Marko von Bruder Gregor, einem einsamen Büchermenschen, in „literarische Gespräche“ gezogen. Es geht um Dostojewskij, Kierkegaard, die Sünde und einiges mehr, um den alten Widerspruch zwischen erlernter Moral und gelebter Moral.
Das eigentliche Geheimnis steckt in Bruder Gregors seltsamer Beziehung zu dem jungen Theologiestudenten Nippermann, der sieben Jahre zuvor, unter sonderbaren Umständen, spurlos vom Collegium verschwunden ist. Auch Agnes, ein dickes, gedemütigtes Küchenmädchen, ist seinerzeit verschwunden. Die Wahrheit darüber könnte im Buch der Ordnungen stehen, doch wer hat es geschrieben? Und wessen Wahrheit liegt darin verborgen?
Zuerst dachte ich, daraus wird eine Adoleszenzgeschichte. Dann wurde es auch eine Familiengeschichte, ein Kloster- und Schelmenroman, ein Buch über Bücher. Und am Ende begriff ich, welche Rolle die Musik darin spielt. Also muß ich wohl eingestehen, daß der Roman Warum du mich verlassen hast von mehreren Dingen zugleich handelt, die sich überlagern und ergänzen.
Es hätte wenig Sinn zu verschweigen, daß für das „Collegium Aureum“ des Romans ein wirkliches Internat am Niederrhein als Vorlage gedient hat, zumal seine früheren und heutigen Bewohner sich einen Spaß daraus machen, Fährten zu lesen und Figuren zu entschlüsseln. Doch um die Wirklichkeit hinter der Fiktion geht es mir gar nicht. Denn diese Wirklichkeit (etwa in Gestalt des damaligen Internatspersonals) ist nicht nur unwesentlich, weil sie dem Roman äußerlich bleibt, sie ist auch so gründlich vergangen und vorbei, daß sie mich – als Teil meiner eigenen Geschichte – nicht mehr sonderlich interessiert. Jedenfalls nicht genug, um einen Fünfhundert-Seiten-Roman zu rechtfertigen. Folglich will ich mit eventuellen physischen Ähnlichkeiten, die es hier und da geben mag, auch nichts ausdrücken; sie sind zufällig entstanden und gehen allein auf dramaturgische Absichten zurück.
Was mich an der Institution, die für das „Collegium Aureum“ als Vorlage gedient hat, heute vor allem interessiert, sind meine Freunde von damals. Auch einige Lehrer, die mich geprägt haben und deshalb indirekt mitverantwortlich dafür sind, daß dieser Roman geschrieben wurde. Sie alle sind älter geworden, genau wie ich. Und vielleicht beschäftigen sie sich, genau wie ich, mit ihren eigenen Formen der Erinnerung (oder des Vergessens). |
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Piper Verlag, München 2002 ISBN 3492275184, Kartoniert, 182 Seiten
Nachdem ich zwei Jahre in Madrid verbracht hatte, bat mich der Piper Verlag um einen längeren Essay über Spanien, meine persönliche Gebrauchsanweisung für das Land, in dem ich wohne und arbeite. Ich lehnte ab, weil mir zwei Jahre Aufenthalt zu kurz erschienen, um mich zu berechtigen, gleich ein ganzes Buch zu schreiben. Ein Jahr darauf wurde die Anfrage wiederholt, und diesmal war ich bereit. Vielleicht braucht man das dritte Jahr, um seine eigene Marotten, Vorlieben und Vorurteile zu sortieren. So entstand die Gebrauchsanweisung für Spanien, die 2002 herauskam und inzwischen in der fünften Auflage vorliegt.
Was sie nicht ist, läßt sich leicht sagen: ein Reiseführer. Die Gebrauchsanweisung ist auch kein Buch, das abgelegene Routen empfiehlt oder kulinarische Geheimtips auf Lager hat. Es handelt sich eher um die essayistische, subjektive Schilderung eines Landes, das mir trotz aller Nähe fremd genug geblieben ist, um es mit großen Augen anzuschauen. In diesem Buch erzähle ich, was ich an Spanien mag, doch verschweige nicht, was mir mißfällt, berichte von Stieren, Ostertrommeln, Landschaftsformen, Eßkultur, Fußball, dem Radio, dem Zeitungskrieg, den Raffinements des spanischen Alltags und vielen kleineren Geschichten am Rande, die meine Phantasie bis heute beschäftigen. |